Interview mit Beatrice Richter, teilnehmende Künstlerin der aktuellen Ausstellung im Landtag und bei der Nacht der Museen 2017

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Interview mit Beatrice Richter, teilnehmende Künstlerin der aktuellen Ausstellung im Landtag und bei der Nacht der Museen 2017

INTERVIEW GUDRUND WÜNSCHE (KunstConzept Düsseldorf e.V.) MIT BEATRICE RICHTER. TEILNEHMENDE KÜNSTLERIN AN DER AKTUELLEN AUSSTELLUNG r.u.n.d.schau IM LANDTAG NRW (15.03. – 07.04.2017)

Beim Sommerrundgang 2016 in der Kunstakademie Düsseldorf stoße ich in der dritten Etage auf ein kleines, offenes Atelier.

Mein Blick fällt auf ein orangefarbenes Bild an der Wand. Davor am Tisch steht eine grazile junge Frau, mit der ich sofort in ein lebhaftes Gespräch über Kunst, den Kunstmarkt, die Galerieszene in Düsseldorf komme, so lerne ich Dich, Beatrice Richter, kennen.

Mittlerweile stehst Du kurz vor dem Abschluß Deines Studiengangs Freie Kunst/Malerei bei Professor Herbert Brandl.

Als Studentin hast Du bisher bereits an einigen bedeutenden Ausstellungen teilgenommen, z. B. an der Skulpturenausstellung Follow UP 2016 bei pwc, zu der jedes Jahr nur ein/e einzige/r MalerIn aus dem Kreis aller an der Kunstakademie Düsseldorf Studierenden ausgewählt und eingeladen wird, eine große Auszeichnung. Mich interessiert zuerst einmal, wie Du überhaupt zum Kunststudium und speziell zur Malerei gekommen bist?

Das war total klischeehaft. Ich habe als Kind den Holz-Malkoffer meines Opas vererbt bekommen und mich schon immer vor allem für´s Malen und Zeichnen interessiert und das auch bis zum Abitur mit dem meisten Ehrgeiz ausgeführt. Für mich war immer klar, dass ich Kunst studieren möchte (mich nerven solche Klischeeantworten). Nach dem Abi habe ich dann ein freiwilliges soziales Jahr gemacht, um ausziehen zu können und um meine Mappe für die Kunstakademie in Düsseldorf vorzubereiten. Im Nachhinein ist es wahnsinnig naiv gewesen, sich nur in Düsseldorf zu bewerben, aber ich hatte Glück und wurde direkt angenommen.

Um noch einmal auf das eingangs erwähnte orangefarbene, unverkäufliche Bild zurückzukommen:

Der Unterschied zu den Bildern, die Du in der aktuellen Ausstellung r.u.n.d.schau im Landtag NRW bei der Fraktion Bündnis90/Die Grünen zeigst, könnte kaum größer sein. Von farbkräftigen, großflächiger strukturierten Bildern hat sich Deine Malweise über die Jahre Schritt für Schritt hin zum Einsatz weicher, vielfältig aufgebrochener, erdiger Farben und filigraner gestalteten Formen verwandelt.

Zusätzlich sind Deine neueren Bilder eingefaßt in ein samtenes Schwarz, das einen großen Teil der Bildfläche ausmacht. Es entsteht durch dieses in einer schwarzen Fläche liegende innere Fenster sozusagen ein Bild im Bild. Wie ist es zu dieser Entwicklung innerhalb so kurzer Zeit gekommen?

So kurz war diese Zeit gar nicht (schmunzelt). Ich habe mir innerhalb meines Studiums sehr viel Zeit gelassen, mich und meine künstlerische Identität zu finden und zu entwickeln, anders als viele andere um mich herum in der Akademie. Viele haben sehr schnell ihre „Nische“ gefunden und waren damit auch relativ schnell erfolgreich. Bei mir war das irgendwie anders. Ich habe mich in der Akademie immer eher zurückgezogen und viele Dinge mit mir selber ausgemacht. Natürlich ist der Diskurs mit anderen wichtig, deshalb bin ich sehr froh, mein Studium bei Martin Gostner, einem Bildhauer, begonnen zu haben. Der Austausch mit ihm und seiner Klasse, die Kommunikation zwischen den Bildhauern und mir als Malerin hat mich, glaube ich, sehr geprägt. Ich hatte dort genügend Zeit und einen großzügigen Atelierplatz, das ist nicht in allen Klassen so. Dort sind dann auch diese orangefarbenen Bilder entstanden, unter anderem auch jenes, von dem du am Anfang gesprochen hast. Ich habe wie die meisten viele Materialien und Tonalitäten ausprobiert, zwischendurch hatte ich eine lange „Neonfarben-Phase“ (grinst). Als ich mich dann „bereit“ für eine Malerklasse fühlte, habe ich in die Klasse von Herbert Brandl gewechselt. Vor diesem Wechsel, so im Herbst 2014, hatte ich mein erstes Residenzstipendium in Cuxhaven, das war der Wendepunkt“ in meiner künstlerischen Arbeit. Dort hatte ich fernab der hektischen Großstadt ein schönes Atelier in einem Schloß, und meine Arbeit hat sich dann völlig verändert. Ich hatte mich von der Leinwand gelöst und bin aufs Papier gegangen, das war sehr erleichternd. Die Farben reduzierten sich, Acryl, Sprayfarbe und Pinsel blieben weg, und ich beschränkte mich auf Tusche, Blei- und Graphitstift. Du siehst also, es lag schon ein langer Prozess mit vielen Umwegen dazwischen (aber der Weg ist das Ziel, oder?).

Prozess scheint ein wichtiger Begriff im Hinblick auf deine Arbeit zu sein.

Kannst du noch einmal auf diesen Prozess, deine Technik und auf die Malmittel der neuen Arbeiten, die du aktuell im Landtag zeigst, eingehen?

Die neuen Arbeiten resultieren, wie erwähnt, aus der Zeit in Cuxhaven. Du musst dir vorstellen, dass dort die ersten kleinen quadratischen Tuschzeichnungen der Serie „Mimikry“ im Format 50 cm x 50 cm entstanden sind. Bei diesen Arbeiten zentriert sich ein großer Farbfleck mit filigranen Zeichnungen in der Mitte des Papiers. Diese Arbeiten haben sich dann in Düsseldorf weiterentwickelt, sind größer geworden und wurden aufwendig kaschiert und gerahmt. Ich wollte die Papier- und Rahmengröße immer mehr ausreizen und stieß in manchen Punkten an die Grenzen der Industrie. Und so kam ich wieder über Umwege zu meiner jetzigen Materialität. Die Papiere werden in mehreren Ebenen collagiert, das Seidenpapier bildet die letzte „Schicht“.

Dann wird das gesamte Papier aufgezogen und in einen Holzrahmen mit geschwärztem Acrylglas eingefasst, wobei das Tondo im Zentrum des Rahmens offen bleibt. Somit entsteht, wie du am Anfang sagtest, das Bild im Bild. Viele Leute assoziieren dieses „offene Fenster“ mit einem Bullauge, durch das man einen Blick in eine abstrakte Unterwasserwelt erhaschen kann. So ähnlich empfinde ich es auch, allerdings sind das intuitiv entstehende Räume. Ich arbeite ohne Skizzen oder Vorlagen, weil mich der künstlerische Prozess reizt und ich keine erzwungenen Bildinhalte wiedergeben, sondern mir selbst irreale Räume erschaffen möchte. Im Landtag sind insgesamt 5 Bilder dieser Art in verschiedenen Formaten zu sehen, von ganz klein (30 x 30 cm) über das Mittelformat ( 90 x 90 cm) bis hin zum derzeit größten Format in 140 x 140 cm.

Würdest Du Deine neuen Bildern einem bestimmten Malstil zuordnen?

Ich würde meine Bilder eigentlich nur ungern einordnen, solche Kategorisierungen sind immer sehr starr und unfrei, und das, finde ich, wird den Bildern nicht gerecht.

Gelegentlich wurden meine Bilder mit dem Etikett  „abstrakte Landschaftsmalerei“ versehen, um eine etwaige Richtung anzugeben. Ich selber bewege mich wie gesagt emotional in einem unerforschten, lebendigen und ästhetischem Raum unter Wasser. Und ich sehe mich als Zeichnerin und Malerin gleichermaßen.

Hier würde ich gern noch einmal nachfassen: Es hat 1981 eine Ausstellung der „Neuen Wilden“  mit einem ähnlichen Titel, nämlich „Rundschau Deutschland“ in Köln und München gegeben. Die KünstlerInnen wollten neue Entwicklungen in der Malerei voran treiben. Ihre auf der Ausstellung gezeigte Malerei wurde damals hart kritisiert und unter anderem als kurzfristige InstantMalerei (Helmut Schneider in Die Zeit 1981) einer Generation beschrieben ohne Zukunft . Wie blickst Du auf die aktuellen Entwicklungen in der Malerei in unserer jetzigen Dekade? Gibt es erkennbare Richtungen? Und weist Deine Malerei Ähnlichkeiten mit einer von ihnen auf?

Oh, das ist eine schwierige Frage…Nun, ohne zu sehr auszuschweifen (denn ich glaube das diese Frage einen langen Diskurs herbeirufen könnte), glaube ich schon, dass es gewisse Entwicklungen und Stile in der zeitgenössischen Malerei gibt. Ich muss dazu sagen, dass ich ein sehr kritischer Betrachter (der Malerei), sowohl meiner, als auch anderer Kunstwerke bin. Bei der subjektiven Bewertung von Malerei geht es doch darum, wonach man selbst sucht, welche Momente einen einladen, sich auf ein bestimmtes Werk einzulassen. Ich empfinde mich als einen sehr visuellen Menschen und suche deshalb eher nach ästhetischen, spannungsvollen, außergewöhnlichen und stimmigen Momenten in einem Bild. Ästhetik darf aber keinesfalls mit Dekoration verwechselt werden, es muss ganz klar ein künstlerischer Prozess und vielleicht sogar ein Kampf erkennbar sein, aber das ist ein komplexes Thema. Um auf deine Frage nach den allgemeinen Entwicklungen zurückzukommen…Ich sehe zwei wesentliche und sehr unterschiedliche Tendenzen in der heutigen Malerei. Zum einen wiederholt und wiederkäut sich die „naive Malerei“ (ich nenne es „bad Painting“), bei der ich persönlich schon längst nicht mehr hängenbleibe, zum anderen gibt es eine dazu sehr kontrastierende kühle, fast konzeptuelle Malerei, bei der du ohne das Statement des Künstlers nicht in das Bild hineingehen könntest. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es wenig, zumindest geht dazwischen vieles (auch vieles Gute!) unter. Aber ich habe das Gefühl, dass vor allem viele Nichtkünstler ähnlich über diese Entwicklung denken und es dadurch jetzt mal an der Zeit wäre, sich auf eine neue Richtung einzulassen, in der es mal wieder mehr um die Schönheit der malerischen Mittel geht. Und ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, kann ich ganz klar sagen, dass unsere Gruppenausstellung diese „neuen“ Entwicklungen zeigt. Die Malerei wird hier in voller Stärke mit vielen verschiedenen Medien gleichwertig präsentiert, ob klassisch auf Leinwand, in Schichten aus Malmedium, als Siebdruck oder collagiert mit Seidenpapier hinter Glas. Ich finde hier viele solcher Momente wieder, die ich anfangs nannte. Es sind sehr filigrane, ästhetische Momente zu finden, die aus dem Prozess und einem starken künstlerischen Gestus resultieren. Ich fühle mich mit meinen Arbeiten dort sehr gut vertreten (grinst).

Noch eine abschließende Frage, die mich interessiert, zumal die Ausstellung im Landtag NRW gezeigt wird die mich beschäftigt: Gibt es neben der Ästhetik, der hohen Kunstfertigkeit und der künstlerischen Aussagekraft in Deinen Bildern so etwas wie eine versteckte politische Botschaft?

Nein, und wenn nur indirekt. Ich bin kein unpolitischer Mensch, aber für mich persönlich funktioniert in meinen Bildern die Übertragung von Politik auf den Bildträger nicht. Das würde immer wie eine aufgezwungene Erzählung oder Anprangerung von Ereignissen wirken. Es geht doch darum, dass eine künstlerische Arbeit authentisch ist und auch aus einer eigenen künstlerische Identität resultiert, und diese Identität bildet sich doch auch immer aus eigenen Erfahrungen und der Umwelt. Also spielen gesellschaftliche und politische Ereignisse immer eine indirekt Rolle. Ich finde es aber wichtig, sich auch fernab der Arbeit im Atelier zu engagieren. Jeder sollte versuchen, das in seinem Rahmen Mögliche zu tun, in welcher Form auch immer. Mich persönlich beschäftigen Themen wie z.B. Naturschutz und Nachhaltigkeit, und wenn man sich intensiver mit meiner Arbeit beschäftigt, wird man das auch sicher nachvollziehen können

Kannst du für die Leser bitte hier noch sagen, wann und wie lange man deine und die Werke der anderen KünstlerInnen der Ausstellung r.u.n.d.schau im Landtag NRW sehen kann?

Die Ausstellung, die im übrigen sehr „rund“ geworden ist, läuft noch bis zum 7. April und kann nach persönlicher Anmeldung im Landtag täglich, auch samstags und sonntags, besichtigt werden. Zur Düsseldorfer Nacht der Museen am 25. März 2017 ab 19.00 Uhr wird es auch mehrere Führungen durch die Ausstellung geben, das kann ich nur empfehlen. Und ein schöner Katalog ist auch zu erwerben ;).

Dann wünschen wir dir und den anderen KünstlerInnen viel Erfolg. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Dir für das Gespräch, Beatrice.

Vielen Dank Gudrun, es hat mich sehr gefreut, bis bald.

Gudrun Wünsche
KunstConzept Düsseldorf e.V.

Eine aktuelle Ergänzung von carlstadt.de: Nach Beendigung des Interviews erfuhren wir, dass Beatrice Richter mit ihren Arbeiten für den aktuellen Strabag Art Award nominiert ist! Herzlichen Glückwunsch von unserer Seite und danke für das interessante Interview.

 

KONTAKT

Beatrice Richter
www.beatricerichter.de
beatrice.richter@gmx.net
+ 49 175 611 5731

Gudrun Wünsche
www.madeinflingern.de
kunstconzeptd@gmx.de
0211 68 0 15 23
0160 91 34 41 83

Bildquelle:

  • Beatrice Richter: Beatrice Richter
  • Porträt Beatrice Richter: ©Peter Frank
  • Coryphoideae, Beatrice Richter: Beatrice Richter

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